Lyrikmail #2255 Trakl
Am Moor
Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.
Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.
Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.
Georg Trakl (1887-1915)
Lyrikmail #2254 Lanfranconi
gartenfest
die stühle
nach hinten gekippt
tau legt sich
auf müde gefühle
was unbändig tanzte
liegt matt
im zertrampelten
dunkel verstreut
berauschte
gedanken zerfallen
papierene
fetzen in feuchtem
gras
Katharina Lanfranconi (*1948)
Lyrikmail #2253 Trakl
Vorstadt im Föhn
Am Abend liegt die Stätte öd und braun,
Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.
Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen –
Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.
Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,
In Gärten Durcheinander und Bewegung,
Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,
In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.
Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.
In Körben tragen Frauen Eingeweide,
Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,
Kommen sie aus der Dämmerung hervor.
Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut
Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.
Die Föhne färben karge Stauden bunter
Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.
Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt.
Gebilde gaukeln auf aus Wassergräben,
Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,
Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.
Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,
Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.
Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern
Und manchmal rosenfarbene Moscheen.
Georg Trakl (1887-1915)
Lyrikmail #2252 anonym
Möhte zerspringen mîn herze mir gar
Wenn Leid mein Herz ganz zerspringen lassen könnte
(zwei anonym überlieferte Minnesangstrophen; Übersetzung folgt nach dem Original)
(I)
Möhte zerspringen mîn herze mir gar
von leiden sachen, ich waer lange tôt,
daz diu vil reine mîn nimt keine war
und ich unmaere ir, daz ist ein nôt;
daz ich an ir armen sol niemer erwarmen:
sol ich an ir armen nie mêr ruowen niht,
owê ruowen niht, owê ruowen niht,
ach, sendez herze, der leiden geschiht!
(II)
Tantalus geselle bin ich nu gesîn,
den türstet vil sêre unde tuot hunger wê:
doch sô fliuzet ofte vor dem munde sîn
grânât manger leie und ein tiefer sê.
alsô sên ich dicke lieplîche ougen blicke,
dâ von ich erschricke, ach die tuont mir wê.
ach daz tuot mir wê, ach die tuont mir wê.
rât edele Minne, daz sorge zergê.
(Übersetzung Strophe I)
Wenn Leid mein Herz ganz zerspringen lassen könnte,
dann wäre ich schon lange tot;
dass die Vollkommene mich überhaupt nicht beachtet
und ich ihr gleichgültig bin, das ist furchtbar.
Dass ich in ihren Armen soll niemals mich wärmen:
soll ich in ihren Armen niemals ruhen,
O weh, niemals ruhen; O weh, niemals ruhen
– beklagt sei, liebendes Herz, diese quälende Sache!
(Übersetzung Strophe II)
Der Gefährte des Tantalus bin ich gewesen:
Den dürstet es sehr und Hunger tut ihm weh:
Und doch schweben vor seinem Mund immer
viele Arten von Granatäpfeln und ein tiefer See.
Genauso sehne ich mich oft nach einem Blick aus lieblichen Augen,
darüber erschrecke ich, ach, die tun mir weh,
ach, das tut mir weh, ach, die tun mir weh.
Hilf, edle Liebe, dass meine Sorge vergeht.
——————————————————-
Der Text des Originals folgt der schönen Minnesangsammlung von Max Wehrli: Deutsche Lyrik des Mittelalters (Manesse Verlag). Das Lied trägt dort die Nr. 112 (KLD 38).
Jeden zweiten Mittwoch im Monat präsentiert Lyrikmail in Zusammenarbeit mit Dr. Martin Schuhmann (Universität Frankfurt/Main) Texte aus mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung.
Lyrikmail #2251 Engelke
Katzen
Bleib noch länger goldnes Dämmern -
Wie wird der Tag schon matt und blauer -
Verstummt ist Lärm und Werkstatthämmern.
Die Nacht liegt auf der Lauer -
Der Schlüssel schließt die Häusertore.
Nun Wandrer meide die dunkle Mauer -
Das Licht ist aus – es klingt im Ohre -
Liegen Strolche auf der Lauer? -
Hinauf die knarrenden Windeltritte.
Die Gasse wäscht ein Regenschauer.
Bald nahen im Schlafe weiche Schritte:
Der Traum liegt auf der Lauer -
Gerrit Engelke (1890-1918)
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