Lyrikmail #2161 Karsch

An den Freyherrn von A. aus Cöthen
über die Winterlustbarkeiten in Berlin.

Du, dessen Auge nichts verräth
Vom Stolze, den so manche Brust bewirthet,
Durch Ordensbänder aufgebläht,
Womit sie ward umgürtet.

O A*! Dein Herz verschließt
Sich nimmer, wenn die Freuden Dich umgeben,
Der Weise braucht sie, und versüßt
Sich gern dadurch das Leben.

Dich reizt Dein Landgut, wenn im May
Die Vögel aus den schattigen Gebüschen
Mit eines Schäfers Feldschalmei
Ihr tonreich Lied vermischen.

|Und deine Rinderheerde satt
Im Blumenthal beim Bache lieblich brüllet:
Jezt aber reizt Dich Friedrichs Stadt
Mit Spiel und Tanz erfüllet.

Jezt ladet Dich der Singe-Saal
Des Helden ein, der über andre glänzet,
Wie Phöbus, wenn der goldne Strahl

Sein lokkigt Haupt bekränzet

Die Sterne ringsumher beschämt;
Hier herrschen hohe königliche Freuden,
Und selbst der Bürger, der sich grämt,
Verstaunt hier seine Leiden;

Vergißt den Mangel, der ihn drückt,
Und stürzt sich mit der zahlenlosen Menge
Ans Schauspielhaus, und wird erquickt
Vom Wohlklang der Gesänge.

Auch Du betäubest jezt in Dir
Des Ländereibesitzers kleinste Sorgen,
Bald aber lokket Dich von hier
Der Hornungs erster Morgen,

An welchem sich die Lerche schon
Hoch über Deine Saatenfelder schwinget,
Da sagt Dir ihrer Hymnen Ton
Mehr als der Sänger singet,

Dem Menschenkunst die Noten schrieb,
Und Könige zu ihrer Lust gedungen;
Der ungerührt bei Trillern blieb,
Die jedes Ohr durchdrungen:

Und einer Orgelpfeife gleicht
Die schmeichlerisch den Hörer überwindet,
Und bis zu Thränen ihn erweicht
Und selber nichts empfindet.

Anna Louisa Karsch (1722-1791)

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Lyrikmail #2160 Ball

Der Schizophrene

Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen,
Bin ich – wie nennt ihrs doch? – ein Schizophrene.
Ihr wollt, dass ich verschwinde von der Szene,
Um euren eignen Anblick zu vergessen.

Ich aber werde eure Worte pressen
In des Sonettes dunkle Kantilene.
Es haben meine ätzenden Arsene
Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen.

Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer
Behüten euch mit einer sichern Mauer
Vor meinem Aberwitz und grellen Wahne.

Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer.
Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer
Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne.

Hugo Ball (1886-1927)

Erotische Gedichte des Expressionismus: Dich süße Sau nenn ich die Pest von Schmargendorf. Eine Anthologie geordnet nach Positionen, Situationen, Körperteilen, Organen und Perversionen

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Lyrikmail #2159 Sanmann

puppenstirn

du sitzt auf der bettkante
und bist klug.
ich daneben
und ist mir egal.
zartes streift seine gesten ab.

erwartungen. aufgebockt. gefüttert
mit türritzenlicht. rostige augenblicksscheren
schneiden den tag in gleich große teile, immer
an der linie entlang. morgen?
das weiß ich nicht.

Angela Sanmann (*1980)

Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert junge, deutschsprachige und internationale Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti) und Veranstalter (für die S3 LiteraturWerke, die Lettretage, die schaubühne am Lehniner PLatz u.a.).

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Lyrikmail #2158 lafleur

césar menotti

ich sah ihn auf einem rohbau stehn
ein hochbau, die duennen haare im
wind & waehrend er sein gesicht von

all den sonnen gerben liesz, die es
je ueber die raender beider horizonte
den des geistes & den des herzens

schafften, murmelte er: ein tor soll in
seiner essenz nur ein weiterer pass
ins netz sein. den duerren nannten

sie ihn, el flaco & er verlangte seinen
spielern das begreifen ihrer existenz
innerhalb jener zeitgeschichtlichen

spanne ab, die sie geduldig traten
auf dem rasen. dasz fuszball ein fest
sei, den goettern zu opfern, paukte er

ihnen bei einem glas roten ein, abends
am strand & mengte seine worte dem
meer, wohlwissend dasz die groszen

haendler der welt selbst dessen fluten
laengst unter sich aufgeteit hatten, wie
all diese traeume & visionen, die sie

sich zwar reinzogen, mit denen sie
aber nichts recht anzufangen wuszten
weil ihnen jede poetische ader fehlte

auf einem rohbau stand er, voegel
stieszen aus seinem langen haar in
die luft & schweigsam folgte er mit

dem blick einem flatterball, der aus
den siebzigern in die moderne flog
mit der schoenheit alles verlorenen

stan lafleur (*1968)

aus: die welt auf dem fusz. Fußballgedichte mit Halbzeitpause
von stan lafleur erschienen im Koall Verlag 2006, 11,90 Euro
www.fussballgedichte.de

César Luis Menotti (* 5. November 1938 in Rosario) ist ein ehemaliger argentinischer Fußballspieler und heutiger -trainer. Er führte die argentinische Nationalmannschaft bei der WM 1978 im eigenen Land zum Titel. In seiner Heimat wird er El Flaco („der Dürre“) genannt. Quelle: Wikipedia

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Lyrikmail #2157 Silesius

Die Welt ist im Frühling gemacht

Im Frühling ward die Welt verneut und wiederbracht,
Drum sagst du recht, daß sie im Frühling ist gemacht.

Angelus Silesius (1624-1677)

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